Verfasst von: globowriter in: Februar 29, 2008
Einfach mal untertauchen. Verschwinden. Tief drunten unter der Oberfläche, irgendwo im Roten Meer, wo einem nur noch unzählige Blicke und Bläschen folgen. Doch bis sich der Tauchanfänger im bunten Riff verirren darf, muss er die Physik des Wassers pauken. Von einem viertägigen, nicht ganz druckfreien Tauchkurs in Ägypten. 9Uhr morgens, 35 Grad. Über den fernen Hafenkränen von Safaga flimmert die Luft. Westlich der Straße wartet ein Streifen Wüste, dahinter die Kette gezackter Berge. Zur anderen Seite reihen sich drei, vier Hotels, daneben erstreckt sich weit und silberweiß das Rote Meer. Haie, Rochen, Muränen – ich komme! Braun gebrannt, blauäugig, blonder Pferdeschwanz – Lutz Schreckenbach ist ein Tauchlehrer wie aus dem Unterwasserbilderbuch. Der 38-jährige Thüringer und einstige Automechaniker arbeitet seit zwei Jahren in Ägypten, ist einer von elf Instruktoren im Orca Diving Center und mein ganz persönlicher Lehrer. Denn zufällig hat sich niemand sonst zum Anfängerkurs angemeldet. „In der Nebensaison kommt das schon mal vor“, sagt Lutz. Keiner da also, der sich dümmer anstellen könnte als ich. Lutz schaltet den Laptop ein: schöne Bilder zu sanfter Musik, ein paar übersichtliche Informationen, dann vertieft er mündlich den Stoff. Ich lerne das Verhältnis von Auftrieb, Druck und Volumen. Ich erfahre, wie ein Barotrauma entsteht, eine Verletzung – meist des Trommelfells – durch mangelnden Druckausgleich, und nehme zur Kenntnis, dass ich in der 16,5 Kilogramm schweren Stahlflasche die Luftmenge einer Telefonzelle mit mir herumschleppen werde: 2400 Liter, zusammengepresst auf zwölf Liter, die einen Flaschendruck von 200 Bar ergeben. Video, Erläuterungen, kurzes Abschlussquiz – so werden alle vier Unterrichtsstunden an den ersten beiden Tage aussehen. Schön, dass es an Physik nur das Notwendigste zu pauken gilt. Noch schöner, dass sie ihre Schüler gleich anschließend ins Wasser schicken, einmal schnuppern, wofür man sich quält. Ich zwänge mich in einen Neoprenanzug, schnalle einen Gürtel mit zwei Kilo Blei um, erhalte Flossen und Maske, ein aufblasbares Tarierjacket und den Lungenautomat, ein Ventil, an dem vier Schläuche hängen: Mit dem ersten blase ich mein Jacket auf, am zweiten hängt das Finimeter, das anzeigt, wie viel Luft noch bleibt, durch den dritten atme ich und den vierten, Oktopus genannt, bekommt mein Tauchpartner in den Mund, sollte er plötzlich in Not geraten. Schwer bepackt, ungelenk, tapsen wir beide über den Strand ins Wasser, schwimmen noch ein paar Meter und lassen dann die Luft aus dem Jacket: Der erste Tauchgang meines Lebens. Ich wirble Sand auf, als ich in drei Meter Tiefe auf den Grund plumpse, blase Luft ins Jacket – und sause, plopp, wie ein Korken wieder nach oben. Das Spiel wiederholt sich zwei-, dreimal, ehe ich ein gewisses Fingerspitzengefühl für die richtige Dosierung entwickle: Tarieren nennt man es, dieses Kontrollieren des Auftriebs durch Luft, so dass man schließlich möglichst gleichmäßig im Wasser schwebt. Doch nun wird geübt: Maske ab- und wieder aufziehen, Atemregler aus dem Mund nehmen und wieder suchen, Luft aus dem Oktopus des Partners saugen . . . für Blicke in die Unterwasserwelt bleibt wenig Zeit. Immerhin: Ein Blaupunktrochen fächelt sich über den Grund – sozusagen mein erster Pressluftfisch. Die 45 Minuten sind schnell vorbei, und sie werden mir jedesmal kürzer vorkommen. Noch dreimal Unterricht, noch dreimal Tauchen vom Strand heißt es während der ersten beiden Tage. Ich lerne Zeichensprache, erfahre, dass ein Taucher immer mit einem Partner, seinem „Buddy“, nach unten geht und nehme überrascht zur Kenntnis, dass Sporttaucher „Nullzeit“ tauchen: Immer nur so tief (höchstens 30 Meter) und so lang, dass sie notfalls in einem Schwung zur Oberfläche zurückkehren können – allerdings nie schneller als zehn Meter pro Minute. Das Verharren beim Aufstieg, die komplizierten Berechnungen der Dekompression, das Zittern um zu viel Stickstoffbläschen im Blut, all das, was man aus dem Film „Monster aus der Tiefe“ kennt – es bleibt Berufstauchern vorbehalten. Freilich lerne auch ich, per Tabelle Tauchgänge zu planen und Tauchzeiten zu berechnen. In der Praxis allerdings erledigt der Tauchcomputer am Handgelenk das alles viel präziser. Er zeigt nicht nur an, wie lange ich mich schon in welcher Tiefe befinde, wie viel Zeit mir noch bleibt (und bezieht dabei alle meine Tauchgänge der letzten Tage mit ein), sondern piepst mich auch böse an, wenn ich versehentlich zu schnell aufsteige. Schon bald fühle ich mich sicherer im Wasser. Maske ab, atmen am Oktopus, atmen zu zweit an einem Regler – die Handgriffe müssen in Fleisch und Blut übergehen. „Es kann Unvorhergesehenes passieren“, warnt Lutz. „Und die instinktive Reaktion – auftauchen – ist fast immer die falsche.“ Immer besser gelingt es mir, im Wasser eine bestimmte Höhe zu halten. Allein durch tiefes Einatmen leicht zu steigen und knapp über einen Korallenhügel dahinzugleiten, ohne ihn einmal zu berühren – es ist eine Herausforderung, und es grenzt an Zauberei. Mit steigender Erfahrung nehme ich die Unterwasserwelt genauer wahr. Aus einem löchrigen Stein steigen die Köpfe gleich vier kleiner Muränen und formen ein zierliches Medusenhaupt. Mit dem vorwurfsvollen Gesicht eines traurigen Clowns steht der Maskenkugelfisch vor den Korallen. Gelbsattelbarben wühlen mit ihren Barteln im Grund – gerade mal 30 Meter von den Liegestühlen am Ufer entfernt. Dann geht es endlich richtig auf und ins Wasser. 13 Taucherinnen und Taucher kommen auf der Alia 2 mit hinaus. Vom Dachdecker über die Chefsekretärin bis zum Unidozenten reicht das Spektrum, und längst nicht alle sind sie, wie erwartet, stattliche Wassermänner und aparte Meerjungfrauen. Erstaunlich, wie viele Hessen doch tauchen! Und Badenser! Auch an Saarländern ist kein Mangel. Dialekt- Deutschland prallt aufeinander. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt zum Middle Reef, einem von 25 Riffen, an denen Orca taucht. Lutz’ Kollegin Yvonne erklärt anhand einer Skizze die Unterwasserlandschaft: „Hier im Süden habt ihr einen wunderbaren Korallengarten. Das Riff ist wie ein Schweizer Käse, in den Löchern findet ihr Rotfeuerfische und manchmal einen Oktopus. Taucht auf 16, 18 Meter, das Riff zur linken Schulter, bis ihr etwa noch 120 Bar habt. Dann geht auf zwölf Meter hoch und zurück. Nicht rausziehen lassen von der Strömung, ich habe hier Leute schon zwei, drei Stunden lang gesucht. Und wenn ihr auf den verrückten Drückerfisch stoßt – haltet ihm die Flosse hin, damit er euch nicht ins Gesicht springt.“ Auch ich springe. Tauche zu schnell zu tief. Schmerz pfeift in den Ohren. Ich schlucke, presse Luft in die Nase, mahle mit den Kiefern – endlich das erlösende Knistern, ich kann weiter nach unten. Wilde Wälder wachsen auf, Abhänge fallen ins tiefdunkle Blau, bedeckt von steinernen Rosen, orangefarbigen Chrysanthemen und starren Bonsai- Kiefern. Sternengeschmückte Mangoldstauden fächeln im Wasser, hellgrüne Gehirne und braune Sofawürste lagern am Grund, staubige Lichtfinger zaubern rosa Garnknäuel hervor. Noch ist alles Farbe und Form. Doch im Lauf der Tage werden aus starren Lianen Peitschenkorallen, entpuppen sich fein ziselierte Fächer als Gorgonien und samtüberzogene graue Noppen als Porenkorallen. Blaulila pulsiert in der gewellten Öffnung ihrer Schale das Fleisch einer Riesenmuschel – einer derjenigen Art, die Tauchers Hand eisern umschließt, sollte er mal hineingreifen. Türkise Papageienfische knabbern an Korallen, Tunfische und armlange Barrakudas drehen ins offene Meer ab, ein krustiger Drachenkopf klebt am Fels wie ein steinerner Auswuchs – ist es nicht alles genau wie in „Rausch der Tiefe“ auf BBC? Von wegen! Das Fernsehen zeigt Bilder. In der Wirklichkeit aber atmest du tief – tiefer, noch tiefer – aus, um weiter nach unten zu sinken. Du bläst Wasser aus deiner Maske, paddelst gegen die leichte Strömung, um nicht abgetrieben zu werden, blickst dich um, wo dein Buddy sich herumtreibt. Beim Fernsehen siehst du zu. Im Meer erlebst du mit. Noch dreimal tauchen wir an diesen beiden Tagen. Noch ist Training zu absolvieren: Richtung finden per Kompass, Bleigürtel und Jacket am Grund aus- und wieder anziehen, ohne Luft und trotzdem möglichst langsam an die Oberfläche paddeln – der Notaufstieg für den Ernstfall. Aber das sind Pflichtübungen, die sich im Vorübergehen erledigen. Längst bin ich dem Reiz der Unterwasserwelt erlegen, und Lutz erweist sich als hervorragender Lehrmeister. Minutenlang schwebt er vor einer Riffwand und schaut, sucht in großer Seelenruhe eine Seegraswiese nach Seepferdchen ab oder betrachtet gelassen die Anemonenfische, die sich dem Monstrum Taucher mutig entgegenstellen, um „ihre“ Anemone zu verteidigen. Auch für mich zählt bald nicht mehr so sehr das Neuentdecken, Registrieren und Einordnen. Es gefällt mir, dass keine Haie, Schildkröten oder Krokodilsfische auftauchen: Die neue Welt soll ihre Geheimnisse, bitte sehr, erst nach und nach enthüllen. Sich im Wasser verlieren (und doch die ganze Zeit hellwach sein, mit Blick auf Kompass, Computer und Finimeter), wird zu einer Art Meditation. Es ist das Schweben, das die Anziehungskraft des Tauchens ausmacht. Gehen wir nicht zu weit, aber – ganz am Anfang schwebten wir alle einmal. Am Abend des dritten Tages schreibe ich meine Prüfung. Von 50 Fragen müssen mindestens 38 richtig beantwortet sein. Der Prüfling schließt mit einem guten Ergebnis ab. Der Lehrer gratuliert und empfiehlt gleich einen der vielen Spezialkurse von Orca. Nach vier Tagen habe ich in der Tasche ein Logbuch, in dem ab jetzt sämtliche Tauchgänge verzeichnet werden, im Kopf eine prächtig bunte Diashow und in der Hand meinen Tauchschein: Es ist die Eintrittskarte für eine neue Welt. Ab sofort gilt: Wenn Sie mich suchen sollten – ich bin gerade abgetaucht. Franz Lerchenmüller Ins Blaue hinein . Einreise: Wichtig ist ein sechs Monate gültiger Reisepass. Das Visum wird am Flughafen Hurghâda eingestempelt. Nach den Anschlägen vom 7. Oktober auf der Sinai- Halbinsel ist die Lage in Ägypten wieder ruhig, das Auswärtige Amt hält auf der Website www.auswaertiges- amt.de detaillierte Sicherheitshinweise bereit. Eine Reisewarnung exisistiert aber nicht. . Tauchen: Voraussetzung zur Teilnahme an einem Lehrgang ist die Tauglichkeitsbescheinigung eines Taucharztes. Kosten: 50 bis 75 Euro. Ärzte finden sich unter www.gtuem.org/divedocs.htm. . Tauchzeit: In Ägypten kann man ganzjährig tauchen, das Wasser ist stets warm. Doch wird die Luft im Sommer bis zu 50 Grad heiß, von Dezember bis Februar sinkt die Temperatur nachts empfindlich. Wenig überlaufen ist die Basis zwischen Ostern und Pfingsten. . Veranstalter: Der beschriebene Kurs ist Teil eines Pakets, das von Orca Reisen in der eigenen Tauchbasis in Safaga angeboten wird. Flug, Visa, Transfers und der einwöchige Aufenthalt (Halbpension im Doppelzimmer) samt Leihausrüstung kosten ab 489 Euro. Dazu kommen Kursgebühren von 149 Euro und 40 Euro für das Ausstellen der Tauchurkunde. Orca Reisen, Mangfallstr. 37, 83026 Rosenheim, Tel. 0 80 31 / 18 85 50, www.orca.de. Ein weiterer Veranstalter von Tauchreisen am Roten Meer ist Sub Aqua Sportreisen, Hesseloher Str. 9, 80802 München, Tel. 089 / 3 84 76 90, www.sub-aqua.de. Tauchreisen bietet auch OFT Reisen an, Siemensstr. 6, 71254 Ditzingen, Tel. 0 71 56 / 1 61 10, www.oft-reisen.de. . Bücher: Helmut Debelius „Unterwasserführer Rotes Meer“, Delius Klasing, 19,90 Euro; Andrea und Peter Schinck „Tauchen“, BLV, 19,95 Euro. Das Schweben ist schön: Unser erfolgreicher Anfänger auf Erkundung im Roten Meer. INFO Ein Tag im Leben eines Hobbytauchers hat seine Ordnung: Erst wird der Neoprenanzug vom Haken genommen, dann geht es aufs Schiff und ans Riff. Nur wer zu spät auftaucht, den bestraft das leer gefischte Büfett. Bilder: Lerchenmüller SONNTAG AKTUELL 31. Oktober 2004